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Steirische Pflegedienstleiterin im Interview

DGKS Gabriele Kroboth ist Pflegedienstleiterin in der Volkshilfe Steiermark. Wir haben mit Ihr über die Demenzbeauftragten der Volkshilfe gesprochen.

Volkshilfe: Bitte erzählen Sie etwas über die Anfänge des Projektes in der Steiermark.

Gabriele Kroboth: Wir haben 2004 begonnen, unsere Erfahrungen im Sozialzentrum Judenburg in eine Projektstruktur zu bringen und es ist uns gelungen, die Validationsanwendung als Methode in das gesamte Team zu implementieren - das wurde den Kundinnen und Kunden, deren Altersschnitt bei 70 Jahren aufwärts liegt, auch aktiv angeboten und bei rund 80% funktioniert die Validation. 2006 wurde ein Konzept entwickelt, welches ermöglicht, die Validationsanwendung auf alle Sozialzentren der Volkshilfe zu übertragen. Insgesamt gibt es 16 Demenzbeauftragte in unseren 11 Sozialzentren. Jede Beauftragte hat sich ein spezielles Fachwissen zur Demenz angeeignet, so dass sie den Rest des Teams beraten und unterstützen kann, bis hin zur Überleitung in Pflegediagnosen. Sie stehen der Bevölkerung in den Gemeinden beratend zur Verfügung, außerdem sind sie bei regionalen Veranstaltungen vertreten und sie arbeiten mit anderen GesundheitsanbieterInnen zusammen. Wenn die Betroffenen es wollen, können die Demenzbeauftragten auch zu ihnen nach Hause kommen, wir bieten hier günstige Tarife an.

Volkshilfe: Welche Ausbildung haben die Demenzbeauftragten?

Gabriele Kroboth: Wir haben einen eigenen Lehrgang entwickelt, in dessen Rahmen die Demenzbeauftragten ein Minimum von 36 Unterrichtseinheiten absolvieren müssen. Die Inhalte wurden von PflegeexpertInnen und ÄrztInnen erarbeitet und umfassen beispielsweise die verschiedene Demenzformen, den Abklärungsprozess, das pflegerische Assessment, Validation, Gedächtnistraining, spezifische Formen der Pflegemethoden usw. Wichtig ist uns dabei das individuelle Eingehen auf die Person, um maßgeschneiderte Pflegeintervention zu erarbeiten. Einmal im Jahr gibt es eine Fachtagung, in deren Rahmen die Demenzbeauftragten Input zum aktuellen wissenschaftlichen Stand erhalten, über regionale Strategien diskutieren und sich über künftige Entwicklungen austauschen.

Volkshilfe: Wie kann man sich so einen Besuch, den Sie oben angesprochen haben, ungefähr vorstellen?

Gabriele Kroboth: Es hängt natürlich immer von der jeweiligen Situation ab. Zumeist kontaktieren uns Angehörige, danach kommt die DGKS (Diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester) zu einem ersten Besuch. Im Rahmen des Erstgesprächs wird ein standardisiertes Assessment erhoben. Dieses beinhaltet auch eine Bewertung zu kognitiven Einschränkungen. Besteht der Verdacht einer Einschränkung, wird eine gezieltere Erhebung durchgeführt. Erkennen wir Zeichen einer Demenz, sprechen wir mit dem bzw. der Angehörigen, damit diese sich um eine fachärztliche Abklärung bemühen.

Volkshilfe: Gibt es irgendwelche Probleme, mit welchen die Pflegekraft oder die Demenzbeauftragten immer wieder konfrontiert werden?

Gabriele Kroboth: Eine Schwierigkeit ist, dass Angehörige manchmal aggressiv, verärgert oder verzweifelt sind, weil sie das Verhalten ihrer Angehörigen bzw. ihres Angehörigen nicht mehr verstehen. Das Einsehen, dass die Betroffenen an Demenz leiden, dauert meist etwas länger. Es braucht hier viel Verständnis unserer MitarbeiterInnen. In diesen Fällen gibt es eine Anordnung an die Heimhelferinnen, wie sie weiterarbeiten sollen. Wir haben für sie ein eigenes Programm zur Validationsanwendung (eine spezielle Gesprächstechnik mit Demenzerkrankten) entwickelt. Es werden Seminare angeboten, bei welchen sie lernen, diese Techniken anzuwenden. Insgesamt absolvieren sie drei Trainingstage, die auf mehrere Wochen verteilt sind. Sie wenden das erlernte Wissen zwischendurch in der Praxis an und aufgetauchte Fragen werden am folgenden Trainingstag bearbeitet. So bekommen sie Sicherheit in der Anwendung. Wir haben zum Beispiel in Judenburg hochbetagte Menschen mit Demenz, die länger daheim bleiben können, weil sie die richtige Betreuungsmethode erhalten. Einfach weil die Angehörigen nicht mehr verunsichert sind, die Betroffenen selbst ruhiger werden, das Umfeld mit der Demenz der Betroffenen umzugehen lernt.

Wir hatten zum Beispiel den Fall einer Dame, Alter ca. 75 Jahre, die ihre Angehörigen und die Nachbarin beschuldigte, dass sie ihr Dinge gestohlen hätten. Für alle Beteiligten wurden diese Situationen zunehmend herausfordernd. Sie zogen die Volkshilfe hinzu, um die Haushaltsführung zu übernehmen und so sicher zu stellen, dass keine Dinge mehr abhanden kamen. Die HeimhelferInnen sind in der Anwendung von Validation – einer speziellen Kommunikationsmethode für Menschen mit Demenz – geschult. Rasch stellte sich heraus, dass die Kundin Dinge vermisste, die sie weit in der Vergangenheit besessen hatte. Durch das Eingehen auf die Situation der Kundin, das Erstnehmen ihres Anliegens im Rahmen das validierenden Gesprächs reduzierten sich die Beschuldigungen gegen die Angehörigen.

In einem anderen Fall lag die KundIn bis 11 Uhr im Bett. Der Gatte, der sie pflegte, konnte sie nicht motivieren, früher aufzustehen. Er wandte sich an die Volkshilfe und nahm die Betreuung durch Heimhilfen in Anspruch. Die HeimhelferInnen sorgten im Auftrag der Demenzbeauftragten für einen immer gleichen Ablauf. Vom Aufstehen um 8:30 Uhr bis zum gemeinsamen Zubereiten des Frühstücks war jede Handlung gleich. Nach ca. 14 Tagen war die Kundin bereits vor 8:30 Uhr wach und erwartete die Heimhilfe mit einem Kaffee.

Vielen Dank für das interessante Gespräch, liebe Frau Kroboth!

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